von Tellerdrehern und Pizzascheren

Am heutigen 58. Tag unserer Reise müssen wir früh aus den Federn sein. Es geht ab zur Fähre nach Belfast und 9 Uhr beginnt das Boarding!

Da am Abend zuvor ein mittelgroßes Verkehrschaos herrschte, beschlossen wir, früh loszufahren und am Fähranleger in der Warteschlange zu frühstücken. Es war Samstag morgen und die Straßen zur Fähre waren komplett leer. Wir waren wohl vor der Rush-Hour unterwegs oder es gibt samstags keine.

Daher konnten wir um 8 Uhr morgens am Fähranleger in Ruhe frühstücken. Unsere Telefone und der Laptop hatten keinen Saft mehr – wir haben schon lange keinen Campingplatz mehr gesehen und auch die Akkus waren mittlerweile leer. Laden konnten wir auf den Inseln nur auf Campingplätzen, denn wir hatten keinen Adapter für die hiesigen Steckdosen mitgenommen (liegen beide brav im Keller).

Wir haben uns für die Fähre entschieden, die 8 Stunden tagsüber bis Liverpool fährt, da diese nur halb so teuer war wie a) die gleiche Fähre nachts und b) die kürzeren Fähren, die nur zwei Stunden fahren. Wir haben eine Kabine dazu gebucht, damit Merle ihren Mittagsschlaf machen kann und wir allesamt frisch geduscht in England ankommen. Dazu vorher Brote geschmiert, um nicht von dem Imbiss auf dem Schiff abhängig zu sein.

Um 10 Uhr geht´s los. Die nächsten 8 Stunden verbringen wir auf See. Dabei können wir jederzeit auf einer oder beiden Seiten Land sehen. So weit weg voneinander wie gedacht scheinen die Inseln nicht zu sein – und die Isle of Man war auch noch dazwischen. Mittagsschlaf haben wir übrigens alle drei gemacht – es schaukelte nur ganz wenig und das war sehr einschläfernd.

Den Rest der Fahrt verbrachten wir im Sonnenschein draußen und am bzw. im Spieleparadies an Bord. Es gab einen Kinderentertainer, der mit den Kindern sang, Luftballontiere zauberte oder Teller auf einem Stock drehte. Merle hatte viel Spaß – und einen weiteren Luftballonhund.

Um etwa 18 Uhr kamen wir in Liverpool an. Zu erkennen war die Stadt an der dicken, tiefliegenden Wolkendecke mit Starkregen darunter. Direkt aus dem vollkommenen Sonnenschein fuhren wir an Offshore-Windparks entlang direkt in die Unwetterfront hinein.

Es war aber nur ein kurzes Vergnügen, denn direkt nach der Anlandung hörte der Regen schon wieder auf und auf der Weiterfahrt nach Colne begrüßte uns der markante Pendle Hill mit einem glühend roten Sonnenuntergang und dramatischer Wolkenlandschaft drumrum – plus Regenbogen auf der entgegengesetzten Seite.

In Colne kamen wir – Stau und Umleitung sei Dank – um etwa halb neun an. Alan und Christine begrüßen uns und gemeinsam bugsieren wir den Bus in die Einfahrt vor dem Haus. Ursprünglich haben wir uns über den Städte-Partnerschaftsverein Marl-Creil-Pendle kennengelernt und sind seitdem Freunde geblieben und haben uns öfter gesehen.

Da es schon spät ist, holt Alan für uns eine take-away-Pizza. Was er dann mit der Pizza gemacht hat, hat mich eine ruhige Nacht gekostet: In England werden die Pizzen mit der Schere durchgeschnitten. Das ging für mich nicht und ich nahm Messer und Gabel. Ich bin ja für andere Sitten und Gebräuche offen, aber warum auch immer war da für mich eine Grenze, die ich nicht zu überschreiten in der Lage gewesen bin – zur Belustigung aller anderen, die kein Problem hatten.

Diese Nacht fielen wir in ein richtiges Bett – weich, hoch und mit vielen Kissen. Alan hat uns ein Gästezimmer vorbereitet und wir drei schließen herrlich aus, denn es war Sonntag.

Den Sonntag verbrachten wir mit Alan und Christine. Wir bereiteten Frühstück vor – aber Alan und Christine frühstücken beide nicht. Ein Konzept, das mir fremd ist, denn ohne ein gutes Frühstück ist der ganze Tag für mich nur halb so schön.

Am Vormittag war „getting things done“ angesagt: Eine Glühbirne vorne und eine hinten mussten getauscht werden. Also ab nach Burnley, denn dort gab es einen Autofachhandel, der auch Sonntags ganz normal geöffnet hat. Ein Blick in die Anleitung geworfen wussten wir, welche Birnen wir brauchen und waren schnell zurück.

Aber – danke an Fiat – es waren nicht die Glühbirnen eingebaut, die in der Anleitung standen. Von daher waren wir nochmal im lokalen Supermarkt Asda shoppen und erstanden ein Pack mit mehreren verschiedenen Glühbirnen, von denen eine schlussendlich passte. Für uns gut, dass auch in England fast alle Läden sonntags geöffnet haben (was ich grundsätzlich für eine überflüssige Unsitte halte).

Meine Aufgabe bestand darin, dem Riesenberg Wäsche Herr zu werden: waschen, trocknen, waschen, trocknen, waschen, trocknen. Gut, dass Christine einen Trockner hat, denn es begann, ausdauernd zu regnen.

Am Nachmittag kamen „younger Alan“ und seine Frau Amy zu Besuch. Wir tauschten uns aus, über deren Hochzeit, über Alans Band, über unsere Reise und vieles mehr.Merle spielte derweil mit den drei Katzen des Hauses – draußen wie drinnen, denn die Haustür war nie abgeschlossen.

Es war ein gemütlicher Tag mit heißem Tee bei kaltem Schmuddelwetter, guten Gesprächen und vielen Erledigungen. Es war auch der Tag, an dem ich meinem Windows-Phone endlich den Werksreset habe angedeihen lassen. Es zeigte schon seit Wochen einen „Kartenlesefehler“, der durch eine neue Karte nicht behoben werden konnte und laut einschlägigen Foren nur durch einen Reset auf Werkseinstellungen behoben werden kann (Windows 8 war stabil, aber Windows 10 ist es leider nicht; Resultat: einige Fotos wurden nur in minimaler Größe gespeichert). Allein dies dauerte schon über drei Stunden, in denen das Telefon Alans W-Lan (was im Ausland überall WiFi heißt) glühen ließ.

Am Abend schüttete es immer noch und Alan war so lieb, Take-away vom Inder zu holen. Haben wir uns in Nordirland noch gefragt, wo der Vorteil von Take-away-Essen sein kann – hier haben wir ihn vorgeführt bekommen. Spät fielen wir in die Federn. Morgen wird der Tag des Abschiedes und wir sind schon etwas traurig.

Frage des Tages: Kannst du ohne das es dir seltsam vorkommt deine Pizza mit einer Küchenschere durchschneiden?

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